Gespräch mit Regisseur Benjamin Heisenberg

Benjamin Heisenberg, „Der Räuber“ beruht auf einem Buch von Martin Prinz, das wiederum literarisch einen tatsächlichen österreichischen Kriminalfall um den sogenannten ‚Pumpgun-Ronnie’ verarbeitet. Wie kamen Sie zu diesem Projekt?

Anfang 2006 hat mich der Produzent Michael Kitzberger von der Geyrhalter Filmproduktion angerufen und gefragt, ob ich mich für einen Bankräuberstoff interessiere, den sie optioniert hatten. Damals wohnte ich noch in München und habe das Buch „Der Räuber“ von Martin Prinz auf dem Flug zur Berlinale gelesen. Ich war sofort begeistert. In Berlin habe ich Michael getroffen und nach kurzer Überlegung dann auch konkret zugesagt.

Sind beim Lesen des Buches schon Bilder entstanden?

Bilder waren sofort da. Der Bankräuber als Figur war für mich immer schon sehr faszinierend. Ganz jung habe ich einen kleinen Kurzfilm gedreht, in dem es um einen Bankräuber kurz vor einem Überfall geht. Da handelte es sich um einen Bankräuber, der seine Überfälle mit dem Fahrrad machte. Diesen besonderen Aspekt fand ich damals schon super: Bankraub als sportliche Herausforderung. Das führte für mich vom typischen Kriminalfilm weg, wo meistens erstmal lange geplant und dann kompliziert geraubt wird. Die Figur Rettenberger hat mir dann auch in ihren Pathologien viel gesagt – ich sehe ihn als eine Art Naturphänomen, getrieben von einer inneren Energie, die ihn dazu bringt, Bankraub und Laufen zu einem Extrem zu treiben. Andererseits hat er aber auch das Bedürfnis nach Leben, Liebe, Berührung und Beziehung. Das widerspricht sich dramatisch, und wird letztendlich tragisch.

Wie stark sind Sie von dem Buch von Martin Prinz aus selbst noch einmal zum ursprünglichen Fall von Johann Kastenberger, der im Film Rettenberger heißt, zurückgegangen?

Martin hatte sein Buch auf Basis der in den Zeitungen erschienenen Artikel geschrieben und daraus eine literarische Erzählung entwickelt. Er kannte Kastenberger sogar von seiner Läuferkarriere her und war ihm einmal bei einer großen Veranstaltung begegnet. Beim Schreiben des Drehbuchs haben wir uns mit den existierenden Quellen vertraut gemacht und parallel selbst neue Informationen über die reale Person gesammelt. So ist eine Figur entstanden, die in meinen Augen sehr viel von dem echten Pumpgun-Ronnie erzählt.

Rettenberger ist ein Mann mit wenig Eigenschaften, damit fällt auch das mögliche Motiv einer Gesellschaftskritik weg, denn er raubt ja nicht, weil er sich bereichern will oder eine Benachteiligung kriminell überwinden möchte.

Ich glaube, dass es der realen Figur Kastenberger sehr stark entspricht, dass der Räuber nicht aus dem Prekariat kommt. Schulbildung kann also vorausgesetzt werden. Er wird durch seine besondere Natur zum Räuber, nicht durch sein Milieu.

In Wien war das Jahr, in dem wir gedreht haben, das Jahr mit den meisten Banküberfällen. Bis in den Sommer gab es, wenn ich richtig informiert bin, 78 Banküberfälle. Der kürzeste, dauerte nur 19 Sekunden. Außerdem verlieren die Banken ja gerade in der Krise ein bisschen an Heiligkeit, und da passt es, dass das Geld für den Räuber gar keine Rolle spielt, sondern dass es um die Herausforderung geht so viele Banken wie möglich „zu machen“. Der Mann ist Sportler. Es geht nicht darum, reich zu werden. Er benutzt das Geld nie, es liegt in einer Plastiktüte unter dem Bett.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch die Figur der Erika (Franziska Weisz), die im Film in einer Altbauwohnung lebt, die sie von der Familie geerbt hat, die aber geschichtslos wirkt.

Erika ist sozusagen übrig geblieben. Sie ist die letzte Überlebende von einer Familie, die in einem gewissen Wohlstand in Wien gelebt hat. Diese Familie ist langsam zerbröselt und unspektakulär ausgestorben. Und so arbeitet Erika jetzt einfach zum Geld verdienen im Arbeitsamt und nicht mehr in einem ihrer „Klasse“ und Ausbildung entsprechenden Job. Sie ist in der Hinsicht relativ anspruchslos, aber sie ist dadurch auch völlig selbstbestimmt und frei und handelt ganz nach ihren eigenen Überzeugungen. An diesem Punkt ist sie offen für einen wie Rettenberger, der mit seiner starken Energie eine Freiheit verspricht, die sie sucht.

Stichwort Energie: Der Film ist wegen der Hauptfigur fast ständig in Bewegung. Welche Probleme schuf das?

Der Dreh war eine echte Herausforderung für alle Beteiligten, weil so viel Bewegung dargestellt werden sollte und relativ extreme Situationen gezeigt wurden. Noch dazu hatten wir allein im ersten Drehblock in drei Wochen 44 Drehorte, da kann man sich ausrechnen, wie oft man pro Tag den Drehort wechseln muss. Das ist für alle Seiten eine echte Challenge. Noch dazu drehten wir komplizierte Szenen teilweise in öffentlichen Orten wie dem Wienmarathon, auf der Autobahn oder im Prater. Das hat die Crew, die Schauspieler, die Produktion und mich selbst an den Rand unserer Leistungsgrenzen gebracht. Andererseits passt diese Arbeitsweise gut zu diesem Film über einen Hochleistungssportler und ich denke der Spirit des Drehs ist im Film auch spürbar geworden.
Interessant für mich war auch die Auseinandersetzung mit dem Thema „Action“. Mein Ideal ist eine Form, die der Erzählung vertraut, so dass man den Personen gut folgen kann und dennoch wirklich dynamisch und attraktiv erzählt. So wechseln wir im Film oft die Standpunkte, sind aber von der erzählerischen Haltung her weitgehend bei Rettenberger. Dadurch verstärkt sich die Faszination die sein Laufen und seine Leistung generell ausübt und man kommt in eine Art Rausch der Bewegung.

Der Räuber ist eine ungewöhnliche Geschichte. Wie sind die Produzenten damit umgegangen? Waren sie von Beginn an bereit, sich voll auf das Wagnis einzulassen?

Die Produzenten waren unheimlich aufgeschlossen und haben sehr wichtige Aspekte beigetragen. Die Geyrhalter Film, die den Film majoritär produziert hat, war davor auf Dokumentarfilme spezialisiert und brachte dadurch einen sehr offenen, spannenden Ansatz für Spielfilme mit. Peter Heilrath, auf der deutschen Seite, hatte schon SCHLÄFER co-produziert und dadurch hatten wir eine sehr gut eingespielte Zusammenarbeit.

Rettenberger läuft in einer zentralen Szene beim Wien-Marathon mit – wie wurde das konkret gedreht?

Für mich ist es erstmal ein schöner Aspekt des Projekts, dass wir in der Bankräubergeschichte nun auch eine wirklich genaue und spannende Beschreibung des Trainings- und Wettkampfalltags eines fast professionellen Marathonläufers schildern. Ich habe beim Schreiben selbst viel über den Laufsport gelernt und denke, das kann für Laufinteressierte und Marathonläufer unter den Zuschauern sehr spannend sein.

Der Wien-Marathon war einer unserer schwierigsten Dreheinsätze, weil es darum ging, einen Läufer zu zeigen, der ganz vorne mit den besten Sportlern läuft. Insgesamt haben uns an diesem Tag über 20 Kameraleute von der Strecke Bilder für den Film geliefert. Darüber hinaus haben wir über Wochen hinweg einen minutengenauen Drehplan erarbeitet, wie wir mit einem ganz kleinen Autokonvoi und zwei Motorrädern mit Kameras mobil durch diesen Marathon manövrieren und die Läufer immer wieder einsetzen konnten. Dabei mussten wir natürlich immer darauf achten, dass wir nicht in Kollision mit dem Marathon geraten, bei dem es ja tatsächlich um einen Wettbewerb ging. Das Tempo dieser Spitzengruppen ist so hoch, dass man es kaum fassen kann. Die besten Athleten laufen den Kilometer in drei Minuten oder drunter, d.h. man muss hoch trainiert sein, um auch nur ein bis zwei Kilometer mitzulaufen. Man kann sich also vorstellen, dass dieser Tag von Andi Lust eine körperliche Höchstleistung gefordert hat, für die er monatelang trainieren musste.

Wie kam Andreas Lust zu dieser Rolle?

Von Andreas wusste ich seit „Revanche“ von Götz Spielmann, wo ich ihn schon sehr gut fand. Daraufhin haben wir ihn zum Casting eingeladen. Ich sehe mir für Hauptrollen grundsätzlich sehr viele Leute an und mache mit Markus Schleinzer, Martina Poel und Carmen Lolei ausgedehnte Castings. Andreas ist durch diesen Prozess hindurch immer einer der Favoriten geblieben. Zuletzt hatten wir drei Kandidaten. Mit diesen Drei haben wir sehr genau schauspielerisch gearbeitet und Lauftests mit einem professionellen Trainer gemacht. Andreas hat bis zuletzt die Rolle so genau verstanden und so spannend interpretiert und war darüber hinaus körperlich so fit, dass die Wahl nicht schwer viel.

Wie war es bei Franziska Weisz?

Franziska kannte ich aus „Hotel“ und aus „Hundstage“ und wir hatten uns auch persönlich kennen gelernt. Obwohl ich sie von vornherein spannend fand, haben wir klassisch gecastet, und sie hat die Erika im Casting so toll gespielt, dass ich ab da schon sehr begeistert war. In so einem Fall mache ich trotz der Tendenz zu einer Person den ganzen Prozess des Castings durch, um sicher zu sein, dass ich keinen Aspekt über den ich mir klar werden will ausgelassen habe. Auf diese Weise schafft das Casting auch schon sehr viel Kommunikation über die Figur, und kann als Vorarbeit für die Dreharbeiten gewertet werden.

Der Kameramann Reinhold Vorschneider wird manchmal mit der Berliner Schule assoziiert, also mit eher ruhigen, beobachtenden Filmen und nicht mit einem Spannungsfilm wie DER RÄUBER.

Für Reinhold war es, wie für mich, eine Herausforderung, einen Film zu machen, der so stark in Bewegung ist. Einerseits konnte er nicht alles selbst drehen, weil wir ja mehrere Kameras im Einsatz hatten und oft mit Steadycam gedreht wurde. Andererseits mussten wir - viel stärker als bei unserem ersten gemeinsamen Film SCHLÄFER - Zufälle akzeptieren, die die Bewegung und vor allem das schnelle Arbeiten mit sich brachten. Auch für unseren Steadycam-Operator Matthias Biber war es oft ein Ritt über den Bodensee, diesem rasenden Läufer treppauf, treppab, durch engste Gänge, über Wiesen und durchs Dickicht zu folgen. Dennoch ist Reinholds genauer Blick und sein unheimlich gutes Gefühl für Licht und für den Menschen im Raum ganz stark im Film spürbar.

Der Soundtrack hat zwei Ebenen: einen klassischen Score, und zahlreiche, meist nur kurz eingespielte Nummern aus dem Radio.

Das Radio gab es schon im Drehbuch. Rettenberger war für mich niemand, der fernsieht. In Autos, die er klaut, dreht er eben das Radio auf, aber er sucht da nicht groß nach einem Sender, sondern hört einfach, was sich so ergibt. Dieser Figur, die eine große Schlichtheit hat, die Popwelt gegenüber zu stellen, fand ich schon beim Schreiben sehr interessant. Im Film sind das Hits, die einen so richtig anschreien. Daraus entsteht auch eine große Komik und ein guter Drive. Wenn man auf der Flucht nach einem Bankraub auf vollen Touren „We don’t need Guitars“ von den ‚Chicks on Speed’ hört, dann ist das doch genial.

Die eigentliche Filmmusik hält sich dafür eher zurück.

Ich arbeite seit langem schon mit Lorenz Dangel zusammen, der ein ganz alter Freund von mir ist und wunderbare Filmmusik schreibt. Ich hatte mir ursprünglich einen durchgängigen Score für den Film vorgestellt und Lorenz hat tatsächlich 200 Minuten sehr spannende Musik geschrieben und als Layout mit echten Instrumenten eingespielt. Jetzt sind ungefähr zehn Minuten Filmmusik im Film, nicht weil etwas an der Musik falsch war, sondern, weil sich der Film und die Figur Rettenberger nach meiner Meinung und der meiner Cutterin gegen Musik gewehrt haben. Es war wie verhext und hat Lorenz und uns im Schneideraum viel Grübeln verursacht. Die jetzige Lösung, die wir erst spät gefunden haben, hat uns dann allen sehr gut gefallen. Nur in bestimmten Momenten hört man jetzt die geschriebene Orchestermusik und dort gibt es diesen ganz überraschenden Mehrwert oder Kraftschub durch den klassischen Score. Schon bei SCHLÄFER habe ich die Musik so eingesetzt, dass sie manchmal aus dem Nichts einfach auftaucht. Das wirkt in diesen Momenten wie ein Nachbrenner und macht den Film plötzlich noch einmal anders erlebbar.

Wie erklärt sich das Ende, das ja deutlich von einem klassischen Showdown abweicht?

Das Ende ist allmählich im Schreiben entstanden. Der echte Kastenberger wurde ja zuletzt auch auf der Autobahn verfolgt. Er fuhr durch eine Straßensperre, wurde von hinten einmal angeschossen und hat sich vor dem Zugriff der Polizei selbst erschossen. Dieses Ende hat uns lange beschäftigt. Die Figur mit einem Suizid enden zu lassen, erschien mir nicht adäquat. Martin Prinz hat von Beginn an gesagt: Das Buch und auch der Film handeln vom Ankommen. Dieser Mensch, der immer in Bewegung sein muss, kommt im Tod zur Ruhe. Das ist auch eine Erlösung und eine Art Glücksmoment, so traurig es ist. Er findet eine Erlösung, die er in der Liebe nicht finden konnte. So ist es jetzt auch inszeniert. Rettenberger schafft es, die Polizei abzuhängen, und endet im Nieselregen irgendwo an der Autobahn in Niederösterreich. Wie ein langes Ausatmen.